Treue sichtbar machen: die Jubilarehrung
Fünfundzwanzig, vierzig, fünfzig Jahre im selben Unternehmen oder im selben Verein: Solche Treue ist heute selten geworden.
Die Jubilarehrung ist der eine Abend im Jahr, an dem sie sichtbar wird.
Für viele Jubilare ist es die einzige Rede, die je über sie gehalten wird.
Eine gute Rede zur Jubilarehrung ehrt nicht die Jahre, sondern die Menschen, die sie mit Leben gefüllt haben.

Die besondere Schwierigkeit: Sie sprechen nicht über einen Menschen, sondern über viele.
Geschäftsführer, Betriebsräte, Personalleiter und Vereinsvorsitzende schicken mir oft Entwürfe, die nach dem dritten Namen zur Aufzählung werden: Name, Abteilung, Eintrittsjahr, Applaus, der Nächste.
Die Jubilare nehmen ihre Urkunde, lächeln höflich – und gehen mit dem Gefühl nach Hause, eine Nummer gewesen zu sein.
Dabei reicht oft ein einziger Satz, der nur auf diesen einen Menschen passt.
Wer ihn für jeden Jubilar findet, verwandelt eine Pflichtveranstaltung in einen Abend, über den das ganze Haus spricht.
Die Jubilarehrung ist damit verwandt mit der Rede zur Verabschiedung – nur dass die Geehrten bleiben.
Wer Treue würdigt, stiftet neue.
Ob Jubilarehrung im Unternehmen, Ehrung langjähriger Vereinsmitglieder oder Jubilarfeier bei Gewerkschaft und Genossenschaft: Der Kern bleibt gleich.
Jeder Geehrte will spüren, dass seine Jahre gesehen wurden.
Ein persönlicher Satz wiegt schwerer als jede Urkunde.



